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Kirchners Fehmarn

 

Einleitung

Textauszug des Beitrages von Dr. Dietrich Reinhardt
auf der Seite 35 aus dem 
Brücke Almanach 1997 – Ernst Ludwig Kirchner auf Fehmarn
Herausgeber: Hermann Gerlinger und Heinz Spielmann
Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Schloß Gottorf

Kirchner auf Fehmarn

von Dr. Dietrich Reinhardt (Gründungsmitglied)

 

Alle Brücke-Maler zog es ans Meer

 

Warum die Wahl KIRCHNERS auf Fehmarn fiel, bleibt Spekulation. Alle Brücke-Maler zog es ans Meer. Die Nordsee war durch Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel besetzt, die mecklenburgische Ostseeküste durch zu viele Badegäste. Es blieb die nördliche und östliche Küste der Ostsee. Seine Wahl fiel auf die erstere, eine Insel hatte ihren besonderen Reiz – so wurde Fehmarn das Ziel.

Ähnliche Überlegungen werden auch Otto Mueller, das spätere Brücke-Mitglied, bewogen haben, 1908 und 1909 nach Fehmarn zu reisen - unabhängig von Kirchner, denn die beiden begegneten sich erst 1910 in Berlin.

1908

Quartier in der Villa „Port Arthur”

Als Quartier bot sich die auf halbem Weg rechter Hand in einem großen Obstgarten, von Wiesen umgeben liegende „Villa Port Arthur” an. Besitzerin war Grete Hiss, eine 37-jährige nette gutmütige Jungfer. Sie lebte von der kleinen Landwirtschaft und der Vermietung der drei Zimmer in der ersten Etage. Da sie auf das Geld aus der Vermietung angewiesen war, legte sie ihre Vorstellung von Moral ein wenig großzügig aus und ließ die drei jungen Leute einziehen. „Port Arthur” lag günstig, Burg, der Hafen Burgstaaken und die Küste waren gut zu Fuß zu erreichen.

Das Wetter in diesem Sommer war wechselhaft, Regen während der Obstblüte im Mai, meist sonnig und warm im Juli und August. Die See hatte aber nie mehr als 18 Grad.

Kirchner malte Bauernhäuser, die Kirche in Burg, Windmühlen, die Schiffe im Hafen und Küstenansichten, unter anderem die „Bucht von Staberhuk”. Unter den sechs Ölbildern entstand das berühmte Bildnis der Emmi Frisch, am Strand sitzend mit ihrem Bruder im Hintergrund. Das lange enge Zusammenleben mit Emmi scheint der Beziehung nicht gut getan zu haben. Man blieb zwar befreundet, aber auf distanziertere Art.

Als Kirchner 1908 mit dem befreundeten Geschwisterpaar Emmi und Hans Frisch zum ersten Mal nach Fehmarn reiste, war es für sie ohne Zweifel eine Entdeckungsreise.

Mitte Mai fuhren die Drei mit der Bahn bis Lübeck und von dort zu Schiff in fünfeinhalb Stunden nach Fehmarn. Dies war die bequemste Verbindung, lag doch der Lübecker Bahnhof damals noch in unmittelbarer Nähe der Schiffsanlegestelle. Gegen 16 Uhr traf die „Meta” im Hafen Burgstaaken ein. Hier warteten Kutschen und Pferdegespanne auf die Ankömmlinge, um sie auf einer Schotterstraße nach Burg zu bringen. Es gab damals außer in der Innenstadt von Burg noch keine gepflasterten Straßen auf der Insel.

Der Leuchtturm war 1903 erbaut worden. Seitdem wohnten Lüthmanns hier. Im Sommer 1912 wurde ein Haus für den zweiten Leuchtturmwärter Jessen gebaut. Kirchner fotografierte dessen Familie mit den drei Kindern vor diesem Haus. Vater Lüthmann hatte den Leuchtturm mitsamt Gelände in Ordnung zu halten. Um 6 Uhr, um 12 und um 22 Uhr musste er sein Leuchtturmzimmer besteigen um Wetter- und Sichtverhältnisse in einem Buch zu notieren. Bei Schlechtwetter musste er ständig dort oben sitzen. Bei Sonnenauf- und -untergang war das Petroleumfeuer anzuzünden bzw. zu löschen.

1912

 

1912 brach Kirchner mit Erna Schilling Ende Juli von Berlin nach Fehmarn auf. Sie reisten diesmal wohl ganz mit der Bahn, denn der Lübecker Bahnhof war, weiter entfernt vom Hafen, neu gebaut worden. Auf Fehmarn wohnten sie beim Leuchtturmwärter Lüthmann, der mit Frau und acht Kindern auf Staberhuk, dem Südostzipfel der Insel, am Leuchtturm lebte. Lüthmanns hatten für die Gäste das östliche Giebelzimmer mit seinen zwei Abseiten freigemacht. Die beiden Söhne mussten unten Notquartier nehmen. Die beiden Töchter, Dora, elfjährig, und die zehnjährige Frieda, blieben im westlichen Giebelzimmer wohnen. „Kirchners” - für die Kinder war Erna immer Kirchners Frau – versorgten sich in ihrem Zimmer selbst. Sie hatten sich einen Esbitkocher mitgebracht. Oft wurde aber auch bei Lüthmanns gefrühstückt, oder man kam abends zum Klönen herunter. Staberhuk lag in abgeschiedener Einsamkeit, in die sich nur selten ein Mensch verirrte. Die Kinder gingen im vier Kilometer entfernten Staberdorf zur Schule, und zum zwei Kilometer entfernten Gut Staberhof hatte man wohl auch wegen des gesellschaftlichen Unterschiedes wenig Kontakt. So freuten sich die Kinder über die Abwechslung.

Wie kam nun ein solcher preußischer Beamter, der sehr streng und akkurat war, mit dem Künstlerbohemien Kirchner aus? Nun, er achtete das disziplinierte Leben des Künstlers. Kirchner stand frühmorgens zwischen fünf und sechs Uhr auf, wusch sich am Brunnen neben dem Haus und zog dann los um zu arbeiten. Bis ins zehn Kilometer entfernte Burg lief er und in die umliegenden Dörfer Staberdorf, Meeschendorf und Vitzdorf, meist jedoch arbeitete er an der nahe gelegenen Küste oder schnitzte an seinen Skulpturen. Lüthmann schätzte den Gast auch als Gesprächspartner und ungewöhnliche Persönlichkeit. War das Verhältnis anfangs mehr durch den gegenseitigen Respekt geprägt, so wurde es im Laufe der Zeit immer vertrauter und zum Schluss fast freundschaftlich.

Später kam auch noch Max Pechstein zu Besuch. Aber es war nun wirklich kein Platz mehr in dem kleinen Zimmer. Deshalb zog er nach Lemkenhafen und quartierte sich im „Haus Seeblick” ein. Vielleicht auch galt das Malrevier Staberhuk als besetzt.

Am 9. August 1912 war der deutsche Schoner „Marie” von seinem Kapitän wegen eines Lecks vor Staberhuk auf Strand gesetzt worden. Nach vergeblichen Versuchen ihn freizuschleppen wurde er am 13. August als verloren aufgegeben. Dieses Wrack sollte für Kirchner im folgenden Jahr von Bedeutung sein.

Am 16. August reisten Kirchner und Erna ab. Anfang August war es wieder kalt und regnerisch geworden, nach einigen schönen Tagen. Insgesamt aber galt der Sommer als verregnet. Kirchner hatte, nach eigenen Angaben, Bilder gemalt „von absoluter Reife”, wobei er wohl insbesondere „Ins Meer Schreitende” meinte. Insgesamt entstanden in diesem Sommer 34 Fehmarn-Ölbilder, Badeszenen, Bilder des Leuchtturms, der Küste und der Umgebung und ein Burg-Bild. Einige Bilder hatte er auf der Insel fertig gemalt, einige begonnen. Andere entstanden ganz im Berliner Atelier.

 

Ende September stattete auch Karl Schmidt-Rottluff der Insel einen kurzen Besuch ab; Kirchner schien ihn neugierig gemacht zu haben.

Als dann Erich Heckel und Freundin Sidi Riha zu Besuch kamen – sie schliefen ebenfalls in Kirchners Zimmer – war noch mehr Leben am Staberhuk. Man badete und malte am Strand mit seinen riesigen Steinen aus der Eiszeit, wobei jegliche Kleidung abgelehnt wurde. Den Kindern gefiel dies sehr, den Eltern weniger. Kirchner war bei den Kindern sehr beliebt. Er brachte ihnen das Schwimmen bei und verwöhnte sie mit Süßigkeiten. Die Kinder mussten oft über Kirchners Sonderheiten lachen. So brachte er sich eines Tages aus Burg einen Hut mit, und die Kinder meinten, er setzte ihn nun auch so auf – weit gefehlt. Er schnitt die Krempe weitgehend ab und setzte ihn als Schirmmütze auf. Auf vielen Bildern kann man Kirchner mit diesem Hut sehen und identifizieren.

Kirchner schlief nie in einem Bett. Er sagte, er komme sich dann vor wie in einem Sarg. Wenn er einmal mit einem Bild nicht zufrieden war, so konnte er es wütend ins Meer werfen. War die Wut verraucht, schwamm er hinterher und stellte es wieder auf die Staffelei. Wie mit den Kindern wollte er sich auch mit dem Schäferhund Flox anfreunden. Der hielt aber, als von Herrn Jessen streng erzogener Wachhund, immer misstrauische Distanz und ließ sich auch durch Süßigkeiten nicht bestechen. Das erzürnte Kirchner oder enttäuschte ihn, jedenfalls wurde Flox fortan geflissentlich übersehen. Ja, die Kinder hatten einigen Grund, sich über den Berliner Maler auch mal zu wundern.

Das älteste der Lüthmann-Kinder, Max, 13 Jahre alt, ging mit den Söhnen vom Staberhof oft auf die Jagd. Er besaß einen Tesching, ein nicht waffenscheinpflichtiges Kleinkalibergewehr. Kirchner lieh es sich einige Male aus, um selbst auf Seevögel zu jagen. Er mochte wohl nicht zu oft nach der Waffe fragen, und so brachte er sich eines Tages aus Burg einen eigenen Tesching mit. Kirchners Jagdbemühungen schienen nicht ganz erfolglos gewesen zu sein. Er malte zwei Stillleben mit von ihm erlegten Enten und Möwen. Er stellte sich auch als „Möwenjäger im Gehölz” dar, mit der besagten Schirmmütze auf dem Kopf.

Als Glücksfall erwies sich auch der immer noch nahe der Küste gestrandet liegende Schoner „Marie”. Kirchner schwamm oft hinaus, um sich Eichenbohlen zu holen, die sich besonders gut zum Schnitzen eigneten. Am 12. August 1913 schrieb er an Gustav Schiefler, seinen Hamburger Sammler und Förderer: „Der Kopf, den ich Ihnen sandte, ist Holzschnitzerei (Eiche), ich habe hier einige Figuren dieser Art gemacht. Es gibt hier neben der Freiheit der Zeichnung den zwingenden Rhythmus der im Block geschlossenen Form. Und diese beiden Elemente den Bildaufbau. Instinktiv, nicht doktrinär.” Und in einem Brief an Gewecke schrieb er am 24. September: „Leider müssen wir bald zurück. Sie glauben nicht, wie schwer es uns fällt. Ich weiß nicht, ob das Meer im Sommer oder im Herbst am schönsten ist. Ich male so viel wie möglich, um wenigstens etwas von den tausend Dingen, die ich malen möchte, mitzuschleppen. Dazu wird das Eichenholz von dem gestrandeten Schiff immer verlockender für Plastiken. Ich muss ein paar Stück unbehauen mitnehmen, denn die Zeit drängt, und die Tage werden immer kürzer.” – Dieses für Kirchner doch wichtige gestrandete Schiff erscheint auf keiner seiner Arbeiten. Störte es den Eindruck von paradiesischer Einheit von Mensch und Natur?

1913

1913 reisten Kirchner und Erna „zur Zeit des Kartoffellegens” an, also Mitte Mai, wie uns der Zeitzeuge Nikolaus Lüthmann 1997 erzählte. Niko Lüthmann war damals 91 Jahre alt und hatte seinen Wohnsitz in Sachsen. Er war das letzte noch lebende „Lüthmann-Kind”.

Diesmal fuhren sie mit der Bahn bis Lübeck und von dort mit dem Schiff nach Burgstaaken. Beim Umsteigen hatten sie Hilfe, denn sie reisten in Begleitung von Hans Gewecke und Werner Gothein, den beiden einzigen Malschülern des Berliner MUIM-Institutes. Am Staberhuk wurden sie mit lautem Hallo und großer Freude von den Kindern begrüßt. Sie bezogen wieder ihr Giebelzimmer, von Kirchner „Turmzimmer” genannt.

 

Kurz nach der Ankunft begann der große Goldregenbusch am südlichen Ende des Gartenweges zu blühen. Kirchner stellte seine Staffelei am Schweinestall auf und malte an drei Tagen das Bild „Goldregen”. Erna musste dabei den Kiesweg immer auf und ab gehen, obwohl sie gar nicht mitgemalt wurde. Blieb sie einmal stehen, so sagte Kirchner nur vorwurfsvoll: „Erna!”, und sie setzte ihren Gang fort. Die Kinder wunderten sich wieder einmal und hatten wohl auch ein wenig Mitleid mit Erna, denn sie mochten sie besonders gern.

Es gab aber auch viel Spaß. Ein besonders lustiger Mensch war Gothein. Einmal kletterte er unbemerkt aus dem Fenster des Mädchenzimmers auf das Dach des kleinen Schweinestalls und bewarf die Untenstehenden mit seinen Latschen. Er freute sich diebisch, als sie sich so richtig erschreckten. Das Leben wurde noch bunter, als Otto Mueller und seine Frau Maschka zu Besuch kamen und auch noch in das Zimmer einzogen. Gewecke und Gothein mussten in eine der Abseiten ziehen. Mit den Kindern von Lüthmann und dem Besuch bestand nun kein Mangel an Modellen. Es wurde viel gemalt. Mueller erkennt man immer an seinem hohen Hut und seiner Pfeife.

Kirchner fühlte sich wie im Paradies in Harmonie mit den Freunden, die auch nach der Auflösung der „Brücke” zu ihm hielten, und den Gastgebern und in völligem Einklang mit der Natur am Staberhuk. Er stand mit weit ausgebreiteten Armen am Strand und rief: „Oh, Staberhuk, wie bist du herrlich, ein Glück im Winkel friedlich schön!” Er wiederholte den Vers so oft, bis auch die Lüthmann-Kinder ihn auswendig konnten. Niko Lüthmann hatte ihn bis an sein Lebensende behalten.

Als Kirchner Ende September 1913 von Fehmarn Abschied nahm, hatte er dort den wohl glücklichsten und fruchtbarsten Sommer auf der Insel verbracht. Das Wetter war viel schöner als im vorangegangenen Jahr gewesen. Die Lebensfreude spiegelt sich in den 68 Gemälden, die in rund drei Monaten entstanden sein müssen (sofern sie nicht in Berlin auf der Grundlage von Studien vor Ort gemalt oder im Berliner Atelier vollendet wurden).

Nach der Rückkehr von Fehmarn malte er die ersten „Berliner Straßenszenen”. Hatte ihn das glückliche Leben auf Fehmarn in diesem Sommer mit der erlebten Einheit von Mensch und Natur für das naturentfernte Großstadtleben so sensibilisiert, dass er es so hellsichtig und eindrucksvoll darstellen konnte? Die Farben dazu und die lang gestreckten spitzen Formen der Figuren hatte er schon auf Fehmarn gefunden.

Als Gewecke abgereist war, baute Kirchner eine Hütte an seinem Strand an der östlichen Bucht von Staberhuk, die er im selben Brief an Gewecke beschreibt: „Denken Sie sich, wir haben noch eine Hütte gebaut am Strand mit einem feudalen Eingang. Sie würden natürlich sagen gotisch. Es ist wunderschön darin zu sitzen. Ich habe sie so gebaut, dass man über einen rosa Stein hinweg das Meer sehen kann. Wenn nun Badende mit ihren schlanken Senkrechten den Strand heraufkommen und im Spitzbogen des Eingangs erscheinen und dahinter die beiden schwarze Steine an unserer Badestelle – wie prachtvoll würden sie sich darin ausnehmen...”. Das Baumaterial für diese Hütte holte er sich auch von der „Marie”.

Anschließend schrieb Kirchner noch: „Der Töpfer Will ist ein feiner Mensch. Er hat uns eine Anzahl von ihm gemachter Töpferwaren von der ganzen Insel zusammengeholt. Die können Sie dann in B. bewundern.” Der Besucher kann heute einige Töpferwaren des Töpfers Will im Burger Heimatmuseum bewundern, auch die Atmosphäre am Staberhuk mit seinem Leuchtturmgelände und die Küstenbildung mit ihrem Südseereichtum. Die Hofanlage des Gutes Staberhof und die Dörfer der Umgebung sind unverändert erhalten.

1914

Auch 1914 zog es Kirchner wieder in sein „irdisches Paradies”. Er verlebte mit Erna einen letzten glücklichen Sommer auf Fehmarn. Die beiden reisten mit der Bahn bis Burg. Ohne Besuch von Freunden wird es auf Staberhuk diesmal etwas beschaulicher gewesen sein. Während des ganzen Sommers herrschte herrlichstes Wetter mit Temperaturen bis 33 Grad – südseehaft!

Kirchner hatte die Idee, sich einen Einbaum aus einem Baumstamm zu hauen. Nicht einfach in die Tat umzusetzen! Zunächst musste Herr Lüthmann gefragt werden, denn die Arbeit würde viel Unordnung machen, und der Leuchtturmwärter war ein sehr ordentlicher Mensch. Kein Strohhalm durfte auf dem Hof herumliegen, und der Einbaum sollte auf dem gepflasterten Platz vor dem Haus gefertigt werden. Nun, wenn alle Späne abends ordentlich weggefegt würden, hätte er nichts dagegen. Dann musste in Staberhof gefragt werden, ob ein Baum gefällt werden dürfte. Der Halbbruder von Herrn Lüthmann, Herr Kempe, war Verwalter auf Staberhof; so bekam Kirchner diese Erlaubnis und obendrein noch die Zusage, den gefällten Baum mit einem Arbeitspferd zum Leuchtturmwärterhaus zu schleppen.

 

Die herrlich warmen Tage und Nächte reizten zu Aufenthalten im kühlen Staberholz und zum Baden, auch in lauen Mondnächten, festgehalten auf den dreizehn Ölbildern dieses Sommers. Das letzte Fehmarn-Bild ist „Badende im Mondschein”.

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird diese Idylle am 1. August 1914 jäh unterbrochen. „Kirchners” mussten die Insel verlassen und sollten sie nie wieder sehen. Nach seiner Abreise schrieb er an Schiefler: „Es fiel mir sehr schwer, so plötzlich abzureisen, da ich dies Jahr vollständig in der Landschaft und dem Leben da oben aufging und nur fast ohne Bewusstsein zuzugreifen brauchte.”

Auf der Fehmarnsundfähre wurde Kirchner in der ersten Kriegshysterie als russischer Spion verdächtigt und festgenommen, aber nach telefonischer Rücksprache beim Leuchtturmwärter bald wieder freigelassen. Diese Freiheitsberaubung hatte aber bei Kirchner einen tiefen Eindruck hinterlassen. Anfangs wagte er sich in Berlin nur noch nachts auf die Straße und hatte panische Angst vor jeder Uniform.

Kirchner fällte dann eine Pappel 500 Meter entfernt am Steilufer, und alles verlief programmgemäß. Es war harte Arbeit, allein einen Einbaum mit einer Axt aus dem Stamm zu hauen! Zu Wasser gelassen stellte sich das Gefährt als sehr labil heraus; bei der kleinsten Gewichtsverlagerung kippte es um. Kirchner baute Ausleger an, aber jetzt fuhr das Boot nicht mehr so richtig geradeaus. Also wurden die Ausleger wieder abgebaut – kurz, Kirchner hatte nicht viel Freude an seinem Einbaum. Die Kinder aber nach seiner Abreise umso mehr. Dies bereitete der Mutter Sorge, hatte sie doch Angst, sie könnten abgetrieben werden und ertrinken. Bei ablandigem Wind stießen die Eltern es heimlich vom Ufer ab – dies war das Ende von Kirchners sagenhaftem „Kanu”.

Epilog

Fehmarn – Kirchners „irdisches Paradies”

Vieles zeugt davon, dass Kirchner sein Leben lang an seinem „irdischen Paradies” Fehmarn hing, in dem er in so glücklicher Zeit so Großartiges geschaffen hatte. Vor seinem dritten Aufenthalt im Sanatorium in Königstein schrieb er am 20. Mai 1916 an K. E. Osthaus, den Leiter und Besitzer des Museums Folkwang in Hagen: „Ich will bald wieder herauf nach Königstein. Lieber ginge ich hinauf nach Fehmarn, aber dort ist gesperrt.” Während dieses Sanatoriumsaufenthaltes schuf er fünf eindrucksvolle Wandgemälde mit Fehmarn-Motiven. Auf einer Vorarbeit zu diesen Gemälden malte er ein Paar, wie es in den „Berliner Straßenszenen” dargestellt sein könnte, wie einen Fremdkörper zwischen Badenden am Strand von Fehmarn. Dies zeigt, wie sehr ihn dieser Gegensatz beschäftigte.

Von der inneren Bindung an die Menschen von Staberhuk zeugen nahrhafte Pakete, die „Kirchners” auch noch aus der Schweiz an die Familie Lüthmann schickten.

Am 10. Dezember 1924 schrieb Kirchner an Schiefler: „Es ist furchtbar einsam bei uns, seit Boßhart (ein schweizerischer Erzähler) tot ist, dass ich Pläne mache, einen Sommer nochmals hinüber nach Fehmarn ans Meer zu gehen... Ich habe dort oben noch einiges zu tun. Auch möchte ich die alten Stätten gern wieder sehen, wo man so glücklich und einfach lebte... Ich freue mich darauf, wieder mal richtige Bäume mit Ästen zu sehen und zu malen und die Bucht und die schönen alten Kirchen und Windmühlen.”

Es wurde nichts aus seinen Plänen. Fehmarn war Kirchners Traum von einem Arkadien, der für ihn lebenslang lebendig blieb.